Freitag, 30. Oktober 2015  ir  ir ir
Iranische Kosmogonie (Teil IV): Die Erschaffung der materiellen Welt Iranische Kosmogonie (Teil IV): Die Erschaffung der materiellen Welt
IranBild: Während der ohnmächtige Ahriman in den tiefsten Abgründen der unendlichen Finsternis verblieb, nutzte Ohrmazd seine Abwesenheit für die Erschaffung der materiellen Schöpfungen (Gētīg 1),... Iranische Kosmogonie (Teil IV): Die Erschaffung der materiellen Welt

IranBildWährend der ohnmächtige Ahriman in den tiefsten Abgründen der unendlichen Finsternis verblieb, nutzte Ohrmazd seine Abwesenheit für die Erschaffung der materiellen Schöpfungen (Gētīg 1), die er schon lange zuvor als geistige Urformen in einem Körper aus Feuer eingeschlossen hatte. Dieser Übergang der geistigen Prototypen in ihre materielle Form wurde von den alten Iranern wie die Geburt eines Menschenkindes vorgestellt, dass im Mutterleib zuvor eingeschlossen ist.

Die unergreifbaren und bewegungslosen Urformen wurden dabei in geistiger Weise so ernährt, wie ein männlicher Same (Šusar 2), Nahrung in der Nässe der Gebärmutter vorfindet.  Dieser Same vermischt sich im Laufe der Zeit mit dem mütterlichen Blut; aus diesem Akt heraus entsteht schließlich der menschliche Embryo. Ursprünglich gleichförmig beschaffen, wird sich die Gestalt des Embryos durch die Bildung seiner vier Gliedmaßen ändern.

Mit dem darauffolgenden Prozess der „Aushöhlung“ entwickeln sich anschließend die Augen, die Ohren und der Mund, mit dem der Neugeborene seine Umwelt wahrnehmen wird.  Zuletzt erfolgt die Geburt des menschlichen Fötus, welches durch einen natürlichen Auftrieb beginnend sich auf eigenen Füßen fortbewegt, so wie die fertigen materiellen Schöpfungen nach ihrer endgültigen Ausformung ihre Aufgaben in der irdischen Welt wahrnehmen werden. Aus diesem Grund glaubten die alten Iraner, dass Ohrmazd für seine Geschöpfe sowohl Mutter (Mādar 3) als auch Vater (Pidar 4) war; ersteres, weil er die geistigen Prototypen wie eine Mutter ihr Embryo in ihrem eigenem Leib ernährte , zweiteres, weil er mit der materiellen Ausgestaltung  der Prototypen wie ein Vater war, der seinem neugeborenen Kind den Weg in das Leben weist.

Meer

Kurz bevor der Schöpfer Ohrmazd sich jedoch der Erschaffung der materiellen Welt annahm, berief er eine Versammlung mit den Frawahr 5 der zukünftigen Menschen ein, die aus dem Samen des Urmenschen geboren werden. Ohrmazd wollte sich nämlich vergewissern, ob diese überhaupt damit einverstanden waren, in die materielle Welt und damit in die Vermischung von Gut und Böse gesetzt zu werden; deshalb stellte er ihnen folgende Frage:

„Was erscheint euch eurer Meinung nach nützlicher?  Dass ich euch in materieller Form in die Welt erschaffe,  dass ihr die Druĵ 5 bekämpft und die Druĵ vernichtet, dass ich euch dann zuletzt heil und unsterblich mache, dass ich euch wieder in die irdische Welt erschaffe, und zwar unsterblich, nicht alternd und ohne die böse  Opposition (Petyārag 6) – oder dass ihr für einen unendlichen Zeitraum vor Ahriman beschützt werden müsst? [nämlich im himmlischen, körperlosen Zustand]“

 

Den meisten Frawahrs erschien die zukünftige Konfrontation mit den bösen Kreaturen des Ahriman auf der Welt nicht geheuer; sie dachten an all die Peinigungen und Schmerzen, die sie im bekörpertem Zustand durch die Hand der teuflischen Dämonen erleiden würden. In Anbetracht solcher Zustände, zogen die meisten Frawahr es vor im geistigen Zustand unter der sicheren Obhut von Ohrmazd und den himmlischen Yazdān zu verbleiben. Auf diese Weise kam es zuerst zu keiner einigenden Antwort auf die Frage des Ohrmazd. Dieser ließ sich indes davon nicht entmutigen und überlegte sich etwas, um sie zu einer gemeinsamen Antwort zu bewegen. Dazu gab er jedem der Frawahr einen Teil seiner göttlichen Allwissenheit, so dass sie selbst einen Einblick in die zukünftigen Ereignisse erhaschen konnten. Die Frawahrs sahen daraufhin klar vor ihrem inneren Auge, wie sie am Ende wieder hergestellt und unsterblich gemacht werden, nachdem das Böse besiegt sein wird und dass sie wieder auf die Erde erschaffen werden würden, und zwar in einem unendlichen, unsterblichen, alterlosen und feindlosen Zustand. Zweifellos dürfte Ohrmazd auch sie darauf hingewiesen haben, dass das Böse in Form von Ahriman nur in einem Kampfe in der Vermischung bezwingt werden kann; solange sie also sich für die Sicherheit unter ihm entscheiden würden, solange würde Ahriman bestehen bleiben und die Vernichtung des Guten anstreben. Als die Frawahrs all dies vernahmen und die Vor- und Nachteile des geistigen wie körperlichen Zustandes miteinander abwogen, entschieden sie sich einstimmig für den aussichtsreichen Kampf mit den bösen Mächten um Ahriman und akzeptierten ihren Abstieg in die bekörperte Welt.

urpflanze

Ohrmazd, erfreut über ihre zustimmende Antwort, begann dann die Vorbereitung zur Schöpfung der bekörperten Welt aus den sieben geistigen Prototypen. Anders als bei seiner geistigen Schöpfung musste er die materielle Ausgestaltung in exakt festgelegten Tagen durchführen, weshalb er zunächst die Monate und Tage eines Jahres formte. Indem er ihnen dann Namen gab, wurden sie mit Leben eingehaucht. Die zwölf  Monate (Dwāzdah Māhīgān) des Jahres benannte er dabei nach sich selbst, den sechs unsterblichen Heiligen und fünf anderen seiner nützlichen Yazdān:

luft

1. Monat Frawardīn
2. Monat Ardwahišt
3. Monat Hordād
4. Monat Tīr
5. Monat Amūrdād
6. Monat Šahrewar
7. Monat Mīhr
8. Monat Ābān
9. Monat Ādūr
10. Monat Day
11. Monat Wahman
12. Monat Spandārmad

Die dreißig Tage  der Monate versah Ohrmazd mit fünf Namen seiner Selbst, den sechs Ahmarāspand und den übrigen 24 Yazdān; jedes der einzelnen Tage wurde dadurch unter den Schutz des gleichnamigen geistigen Wesens gestellt. Der erste Tag hieß Ohrmazd, weil er selbst als Gott an erster Stelle stand; die nachfolgenden sechs Tage wurden allesamt nach dem Ahmarāspand benannt und zwar in der Reihenfolge wie sie erschaffen wurde. Die restlichen Tage enthalten die Namen anderer Yazdān und viermal den Namen des Ohrmazd, die auf seine Rolle als Schöpfer (Day 6) hinweisen. Er platzierte diese vier Tage namens Day in jeden Monat, wobei das erste den Namen darstellt, das zweite den Zeitpunkt, das dritte die Religion und das letzte die Religion, die bei Ohrmazd schon immer offenbar waren.

1 Ohrmazd
2 Wahman
3 Ardwahišt
4 Šahrewar
5 Spandarmad
6 Hōrdād
7 Amurdād
8 Dāy-pad-Ᾱdur
9 Ādur
10 Ābān
11 Xwar
12 Māh
13 Tīr
14 Gōš
15 Day-pad-Mīhr
16 Mīhr
17 Srōš
18 Rašn
19 Frawardīn
20 Wahrām
21 Rām
22 Wād
23 Day-pad-Dēn
24 Dēn
25 Ard
26 Aštad
27 Āsmān
28 Zāmyād
29 Māraspand
30 Anagrān

Am Ende eines Jahres fügte er noch zusätzliche fünf  Tage ein, die keinem Monat zugerechnet wurden. Ihre Namen waren: Ahunawaīd-GāhUštawaīd-Gāh, Spēntamat-Gāh, Vohušatr-Gāh und Vaheštōīšt-Gāh 7.

Ohrmazd nahm anschließend die sieben geistigen Prototypen aus dem weißen, weithin leuchtenden Feuer  und schloss sie in einem riesigen Wassertropfen (Ᾱb-ī Srešk) ein, denn nach den Vorstellungen der alten Iraner stellte das Wasser den Ursprung aller Materie dar 8. Dieser Wassertropfen wurde von Ohrmazd in die Leere hineingeschoben, die sein Lichtreich von dem dunklen Reich von Ahriman trennte, damit die aus ihm entstehende materielle Welt gleichsam wie ein Bollwerk gegen die böse Macht dienen werde.

urstier

Im Rahmen eines heiligen Opferungsrituals erschuf Ohrmazd dann aus dem kosmischen Wassertropfen mit der Hilfe des selbstwährenden Windes den eiförmigen Himmel (Āsmān 9) in einem 40-tägigen Zeitraum vom Tag Ohrmazd des Monats Frawardīn, bis zum Tage Ābān im Monat Ardwahišt. Dieses helle und klarsichtige Himmelsgewölbe wurde von ihm in einem derart gewaltigen Ausmaße geschaffen, dass es weithin im Kosmos sichtbar war. Der Grund des Himmels (Bun-ī Āsmān) wies dabei eine Länge (Dranāy) auf, die seiner eigenen Breite (Pahnāy) entsprach und während die Höhe (Bālāyīh) glich, hatte die Höhe des Himmels die exakten Ausmaße wie seine Tiefe (Zahāg). Der Himmel wurde an seinem oberen Ende von Ohrmazd dabei mit dem unendlichen Licht verbunden, in der er seit alters her wohnte. Das Material, aus dem er den Himmel erbaute, bestand aus schimmerndem Eisen (Xwēn-Ᾱhan), den manche auch als die Essenz des männlichen Diamanten (Gōhr almāst nar) bezeichnen. Dieses Himmelsei wurde deshalb von Ohrmazd beschaffen, weil er ihn wie eine Festung anlegte; in ihm sollten all seine bekörperten Geschöpfe aufgestellt werden wie Soldaten, die zur Verteidigung gegen einen gemeinsamen Feind in einer Burg aufbewahrt werden. Der Geist des Himmels (Mēnōg-ī Ᾱsmān) der gedankenvolle, sprechselige, tatkräftige, wissende und vermehrende wurde von Ohrmazd mit der Aufgabe betraut, sich dem Ahriman bei einem Angriff entgegenzustellen und ihn daran zu hindern wieder in die unendliche Finsternis zurückzukehren. Deshalb wurde dieser Geist wie ein Heldenkrieger (Gurd-ī Arteštār 10) erschaffen, der mit einer metallbewehrten Rüstung gewappnet, unverletzt aus dem Kampf mit einem Feind hervorgehen wird. Seine mächtige, undurchdringbare Rüstung ist hierbei das Himmelsgewölbe selbst, den sich dieser Geist wie eine Rüstung an seinem Körper anlegt. Anschließend übergab Ohrmazd ihm die Freude (Urwāhmanīh) und zwar aus dem Grund, damit seine zukünftigen Geschöpfe innerhalb des Himmelsei trotz der peinigenden Präsenz von Ahriman Glück und Freude erfahren können 11 . Dann ruhte Ohrmazd für fünf Tage und nannte diesen Zeitraum „Mēdyōzarm12, weil durch die Einsetzung des Himmelgewölbes die zukünftigen Wohnstätten der Menschen, der Gewässer, der Sonne und des Mondes offenbar wurden.

urmensch

Nachdem der Himmel erbaut wurde, erschuf Ohrmazd aus der innersten, metallenen Essenz des Himmeleis in 55 Tagen vom Tage Mīhr des Monats Ardwahišt bis zum Tage Ābān des Monats Tīr das Wasser (Ᾱb 13). Dieser wurde in das Himmelsei eingegossen, bis er die ganze untere Hälfte ausgefüllt hatte; die Iraner sagten dazu, “dass es [das Wasser des Ozeans] bis zum Bauch eines Menschen [das Himmelsei], der sich auf seinen beiden Händen und Füßen auf der Erde fortbewegt, anstieg”. Zur Unterstützung des Wassers ordnete Ohrmazd den Wind (Wād 14) und den Regen (Wārān)an, die er in einer eigenen Spähre des Himmelsgewölbes anordnete, der Wolkenspähre (Abr-Pāyag). Dann ruhte Ohrmazd für fünf Tage und nannte diesen Zeitraum „Mēdyōšam15, weil das ursprünglich dunkel-trübe Wasser im Ozean klarsichtig wurde.

Drittens ließ er die Erde (Zamīg 16) in einem Zeitraum von 70 Tagen aus dem Ozean entstehen, und zwar vom Tage Mīhr des Monats Tīr bis zum Tage Ard im Monat Šahrewar. Die Erde wurde rundlich und weithin sichtbar erbaut und war im Gegensatz zu heute völlig eben, da sich auf ihre keine Hügel und Täler befanden. Ein Drittel dieser runden Erde wurde so hart beschaffen wie eine trockene Steinwüste; ein anderes Drittel bestand aus Sand, die man in den Sandwüsten vorfindet und das letzte Drittel war beschaffen wie feuchter, weicher Schlamm. Ohrmazd setzte diese Erdscheibe in die Mitte des Himmeleis, so dass es auf dem Ozean auflag. Die Länge der Erdscheibe entsprach dabei seiner Breite, welche selbst mit der Tiefe übereinstimmte. In der Erde setzte Ohrmazd die Samen der Gebirge (Gōhr-ī Kōfīāh 17)  ein, welche zum Zeitpunkt des Angriffes von Ahriman anfangen werden aus der Erde herauszukeimen und in die Höhe zu wachsen. Für die Unterstützung der Erde erschuf er ferner Substanzen wie Eisen (Āhan ), Kupfer (Rōy), Schwefel (Gōgird), Kreide (Gač) sowie die kostbaren Edelsteine, die man aus harten Erdschichten  gewinnt. Auf den nördlichen Teil der Erdscheibe ließ Ohrmazd dann zwei Flüsse entstehen; das eine, Arang-Rōd 18 führte einen Lauf an den westlichen Teil, das andere, Weh-Rōd 19 dagegen an der östlichen Hälfte der Erdscheibe. Beide Flüsse, die in den späteren Ereignissen eine wichtige Rolle spielen werden, trugen jedoch noch kein fließendes Wasser, da sie sich noch wie die  übrigen materiellen Schöpfungen in einem bewegungslosen Zustand befanden. Die gesamte Erde, so die Iraner, wurde letztendlich wie ein Mann erbaut, an dem alles, was sich auf der Erde befindet, wie schwere Schichten aus Kleidung fest an seinem Körper angelegt sind.  Dann ruhte Ohrmazd für fünf Tage und nannte diesen Zeitraum “Pētēšhā20, weil seine zukünftigen Geschöpfe sich auf der neu geschaffenen Erdscheibe mit der Kraft ihrer Beine fortbewegen werden.

Abb. 2: Aufbau des eiförmigen Himmels nach der iranischen Kosmogonie; die untere Hälfte des Himmels ist mit Wasser ausgefüllt, auf deren Oberfläche sich die flache, scheibenförmige Erde befindet. In der oberen Hälfte des Himmels über der Erde befindet sich Luft.

Nach der Erde erschuf er die Pflanzen (Urwar 21) in 25 Tagen vom Tage Ohrmazd des Monats Mīhr bis zum Tage Ard des gleichen Monats in der Form einer einzelnen Ur-Pflanze, welche inmitten der gerade erbauten Erde hervorwuchs. Diese Pflanze war süß und nass beschaffen, besaß weder Rinde, Äste oder Stacheln und war nur wenige Fuß hoch. Für sie erschuf Ohrmazd in ihrem Stamm einen kleinen Wassertropfen, hinter der sich in einem Abstand von genau vier Fingern das kleine Feuer der Pflanzen befand. Diese beiden innewohnenden Elemente gaben der Urpflanze die Energie für ihr Wachstum, und deshalb glaubten die Iraner, dass auch die heutigen Pflanzen nach diesem Prinzip in die Höhe wachsen. Dann ruhte Ohrmazd für fünf Tage und nannte diesen Zeitraum „Ayāsrēm 22“, weil durch die Urpflanze, das pflanzliche Blatt und der wohlriechende Blütenduft in der irdischen Welt hervortrat.

Anschließend formte Ohrmazd in 70 Tagen von Tage Ohrmazd des Monats Abān bis zu dem Tage Day des Monats Day das Urrind Gāw-ī ēkdād 23 aus  dem Schlamm der Erde in Ērān-Wēz 24 an der rechten Uferbank des Flusses Weh-Rōd. Dieses Wesen war drei Nāy 25 hoch und besaß ein weißes Fell, welches so schimmerte wie der Mond am Nachthimmel, mit dem er mittels seines Prototypen verbunden ist. Gāw-ī ēkdād wurde aus fünf Bestandteilen gebildet; dem leiblichen Körper (Tan 24), der im Körper innewohnende Lebenskraft (Gyān 26), die die Bewegung des Körpers ermöglicht, der leiblichen Seele (Urvan 27), dem Prototyp, den Ohrmazd mit der Mondsspähre verbinden wird und dem Geist (Mēnōg). Damit das Urrind wachsen und gedeihen möge, erschuf Ohrmazd für ihn Pflanzen und das Wasser. In seinem Körper brachte dieser anschließend einen Samen hinein, den dieser zuvor aus der Helligkeit und Grünheit des Himmels gebildet hat. In diesem Samen waren alle Arten von Tieren angelegt, so dass daraus die Tiere auf der Erde entstehen werden. Dann ruhte Ohrmazd für fünf Tage und nannte diesen Zeitraum “Mēdyāirēm28, weil er damit die Wintervorräte für seine zukünftigen Geschöpfe anlegte.

Aus der gleichen Erde in  Ērān-Wēz erbaute Ahura Mazdā dann den Urmenschen Gayōmard 29 in 70 Tagen von Tage Rām des Monats Day bis zum Tage Anagrān des Monats Spendarmad. Die Größe des Urmenschen betrug vier Nāy und er war so breit wie hoch. Ohrmazd erschuf für Gayōmard persönlich den erholsamen Schlaf (Xwāb-Āsānīh) in „der Gestalt eines großen, fünfzehnjährigen, weißäugigen, hellen Jünglings“, damit dieser Unterstützung durch Ruhe erlangen wird. In dem mit Augen, Ohren und Sprache begabten Gayōmard wurde anschließend ein Same gesetzt, der wie der des Urrindes aus der Essenz des Himmels ausgearbeitet worden war, doch aus diesem Samen wird später die gesamte Menschheit entstehen. Dies, nämlich die Geburt der zukünftigen, bekörperten Menschen aus dem Samen des Gayōmard nannten die Iraner „Daxšagōmand“. Ohrmazd setzte ihn an der linken Uferhälfte des Weh-Rōd gleich gegenüber dem Urrind. Die Entfernung der Beiden voneinander, wie ihre Entfernung zum Wasser des Flusses, entsprach dabei ihrer eigenen Körperhöhe, die exakt vier Nāy betrug. Während das Urrind wie der Mond beschaffen war, so war der Gayōmard das Abbild der leuchtenden Sonne, denn er wurde vom Schöpfer so hell und leuchtend erschaffen wie jenes Himmelslicht.

Gayōmard wurde wie Gāw-ī ēkdād aus fünf Bestandteilen erschaffen, wobei jedoch der Prototyp des Urmenschen mit der Sonnenspähre verbunden war und anstatt des Geistes ein Frawahr besaß. Dann ruhte Ohrmazd für fünf Tage und nannte diesen Zeitraum “Hamaspasmadēm 30“, denn als der Urmensch erschaffen wurde, marschierten die Frawahr der Ungeborenen, die der Verlegung in die materielle Welt und somit dem Kampfe mit den bösen Mächten zugestimmt haben, gleich eines wohlgeordneten Heeres auf die irdische Welt ab. Ohrmazd stellte dann fest, dass nach der Erschaffung der sechs materiellen Schöpfungen zusammen mit den sechs fünftägigen Ruheperioden (Gāhanbār 31) exakt ein Jahr verstrichen war.

Die letzte materielle Schöpfung, die in die Welt gesetzt wurde, war das reine und heilige Feuer. Ohrmazd erschuf sie zu dem Zweck, damit die zukünftigen Geschöpfe vor Schmerz und Leid behütet werden. Zu dem Feuer sprach er deshalb:

„Eure Pflicht ist, während der Vermischung durch Ahriman die Versorgung der Menschen, die Nahrungszubereitung und die Vertreibung von Schmerzen. Wenn man euch zufächelt, brennt! Wenn man Feuerholz auf euch legt, dann brennt lichterloh!“

[1] Gētīg; mp. Form von av. gaēθya – „körperlich, materiell, bekörpert“ , Bezeichnung für alles Sein, das in der Form von greifbarer, fester Materie existiert; im np. lautet das Wort Gītī und wird für die Bezeichnung der Welt bzw. des Universums gebraucht.

[2] Šusar; mp. Form von av. xšuδra – „Flüssigkeit, Samen“

[3] Mādar; mp.  und np. Form von av. und altp. Mātar – „Mutter“

[4] Pidar; mp. Form von av. und altp. Pitar – „Vater“; im np. als Pedar widergegeben

[5] Druĵ; mp. Form von av. Druj – „Lüge, Falschheit“; Name des bösen Konzept, dass dem guten Konzept av. Aša – „Wahrheit, Ordnung“ entgegengestellt ist. Das av. Wort Druj geht zusammen mit seinem altind. Kognat Druh auf das proto-indogermanische Wort „dhreugh” zurück, dass sich in der heutigen deutschen Sprache im Begriff Trug und in der norwegischen Sprache im Begriff Draug wiederfindet. Von dem av. Begriff Druj sind verschiedene Begriffe abgeleitet wie av. Druĵant – „jemand, der an Druj festhält“, av. Drɘgvant – „Anhänger der Druj“ (mp. Druwand), av. Draog – „lügen, betrügen“ und av. Draoga – „Lug, Lüge, Betrug“. Letzterer Begriff findet sich auch in der altp. Sprache und zwar in der Form Drauga. Aus diesem Wort entwickelte sich mp. Drō und daraus das np. Dōrugh, das immer noch die Bedeutung „Lüge, Betrug“ in sich trägt.

Im Avesta existiert ein von av. Druj abgeleiteter Begriff Druja, mit der eine spezielle Gruppe von mächtigen, weiblichen Dämonen bezeichnet wird. (mp. Druĵ)

[6] Petyārag; mp. Form von av. Paityāra – „das Böse, Opposition“; alternative Bezeichnung von Ahriman, der mit seinen dämonischen Untergebenen immerdar in Opposition zu Ohrmazd und seiner gutartigen Schöpfung steht. Es wird im np. als Patyāreh widergegeben, bezeichnet jedoch heute in der Regel eine Frau mit einem sündigen Lebenswandel; vergleichbar mit dem dt. pejorativen Ausdruck Schlampe.

[7] Frawahr; mp. Form von altp. Fravarti (av. Fravaši); Bezeichnung einer geistigen Vorform des Menschen, welches schon lange vor der Geburt existiert und sich dann nach der Geburt in den Leib des Menschen einnistet, um von dort aus der Seele den Weg durch das Leben zu weisen. Nach dem Tode vereint sich die Seele eines Menschen mit seinem persönlichen Frawahr und wird von diesem zur Jenseitsbrücke geleitet. Im np. wird es als Fōruhar widergegeben und dient als Name für das Zeichen mit dem geflügelten, bärtigen Mann, das Symbol der heutigen zarathustrischen Gemeinde. Die Benennung dieses Zeichens fußt auf der Annahme, dass dieses Symbol den Frawahr eines jeden Menschen darstellt.

[8] Day; mp. Form von av. Daδvah – “Schöpfer”, im np. wird es als Dey widergegeben und ist der Name des 10. Monats im iranischen Kalender

[9] Die mp. Namen dieser fünf Tage beziehen sich auf die av. Namen der fünf Gāθā-Hymnen, die dem iranischen Religionsstifter Zartōšt zugerechnet werden, nämlich Ahunavaitī-(Gāθā), Uštavaitī-(Gāθā) – „Freude besitzend“, Spɘnta.Mainyu-(Gāθā) – „vermehrender Geist“, Vohu.Xšaθra-(Gāθā)– „Gute Herrschaft“ und Vahištoištī-(Gāθā) – „am besten geliebt“.

[10] Im Bondaheš wird gesagt, dass alle irdische Materie von dem Element Wasser abstammt, außer den Samen der guten Tiere und Menschen. Diese haben nämlich ihren Ursprung aus dem Feuer, wie der Bondaheš ausdrücklich betont.

[11] Āsmān; mp. Form von av. bzw. altp. Āsmān – „Himmel“; die ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes war „Stein“, doch wurde es auch für die Bezeichnung des Himmels verwendet, weil die alten Iraner sich diesen als steinernes Gewölbe vorstellten. Erst später, mit der Entwicklung der Metallgewinnung, setzte sich die Ansicht durch, dass der Himmel aus einer metallischen Essenz besteht. Im np. wird es als Āsemān widergegeben und dient nachwievor zur Bezeichnung des sichtbaren Himmels.

[12] Gurd-ī Arteštār; das erste Glied ist mp. Gurd – „Held“; das zweite Glied ist die mp. Form von av. Raθaēštar –„in einem Kampfwagen stehend“, im Avesta wird damit die Kaste der Krieger bezeichnet. Im np. wird es als Artešdār widergegeben und als „jemand, der eine Armee besitzt“ übersetzt, diese falsche Deutung resultiert daraus, dass man den mp. Worteil Arteš als „Armee“ übersetzte und den Suffix –tār/dār mit dem Verb dāštan – „besitzen“ verband.

[13] Diese Vorstellung begegnet uns auch in einem Satz der unteren Grabinschrift des Großkönigs Dārayavahuš I. (altgr. Dareios I., np. Dāriuš-e I.) in Naqš-e Rōstam.. Dort steht: „Der große Gott ist Ahura Mazda [mp. Ohrmazd], der all dies Wunderbare geschaffen hat, was sichtbar ist; der das Glück [Freude] geschaffen hat für den Menschen (…)“. Für das Wort Glück wurde der altp. Begriff Šyātiš verwendet, dass im np. als Šādī – „Frohsinn, Freude“ widergegeben wird. Die Freude hat in der iranischen Kultur eine sehr wichtige Rolle; Ohrmazd selbst genießt es, wenn sich seine Geschöpfe freuen und glücklich sind, während Ahriman durch dasselbe seine Macht verliert, denn die Freude unter den Geschöpfen verscheucht böse und dunkle Gedanken. Aus diesem Grund wünschen sich die Iraner bis heute auf ihren zahlreichen kulturellen Festlichkeiten gegenseitig: Hamiše šād/xōrram bāš! – „Mögest du immer fröhlich sein!“

[14] Mēdyōzarm; mp. Form von av. Maiδyōi.zarəmaya – „Mitt-Frühling, sinngemäß: „Mitt-Grünung“

[15] Āb; mp. Form von av. Ap – „Wasser“, im np. als Āb widergegeben

[16] Wād; mp. Form von av. Vāta – „Wind“; im np. als Bād widergegeben

[17] Mēdyōšam; mp. Form von av. Maiδyōi.šam – „Mitt-Sommer“

[18] Zamīg; mp. Form von av. Zam – „Erde“; im np. als Zamīn wiedergegeben

[19] Gōhr-ī Kōfīāh; das erste Glied ist mp. Gōhr – „Essenz“; das zweite Glied Kōfīāh ist die Pluralform von mp. Kōf – „Berg“; im np. als Koh wiedergegeben

[20] Arang-Rōd; mp. Form von av. Raŋha; der Name eines im Avesta erwähnten Flusses, der von einigen  Forschern mit dem Fluss Aras (np. Rūd-e Aras, altgr. Araxes) identifiziert wird, welcher im osttürkischen Bingöl-Gebirge entspringt und in das Kaspische Meer mündet.

[21] Weh-Rōd, auch Weh Dāitī; mp. Form von av. Vaŋvī Dāityā – „der gute Daitya“; Name eines im Avesta erwähnten mythologischen Flusses. Er genoss unter den Iranern besondere Verehrung, da dieser Fluss eng mit dem Konzept von av. Airyana-Vaeĵa – „die Weite der Arier (Iraner“) verbunden war.  In der mp. Literatur der sassanidischen Epoche wurde Weh-Rōd mit dem Fluss Amu Darya (np. Āmūdaryā) identifiziert, der in der Antike unter dem lat. Namen Oxus bekannt war.

 

[22] Pētēšhā; mp. Form von av. Paitiš.hahya – „Die Ernte holend“

[23] Urwar; mp. Form von av. Urvara – „Pflanzen“

[24] Ayāsrēm; mp. Form von av. Ayāθrima – “nach Hause gehend”

[25] Gāw-ī ēkdād; mp. Form von av. Gāv.aēvo.dāta – „das einzig(artig) geschaffene Rind“; Name des Urrindes in der iranischen Mythologie. Aus seinem Samen sollen die 256 Tierarten der guten Schöpfung entstanden sein.

[26] Nāy – „Pfahl“; mp. Längenmaß; 1 Nāy entspricht exakt 3,048 m

[27] Ērān-Wēz; mp. Form von av. Airyanam vaēǰō –  „die Weite der Arier (Iraner)“ ; eine mythologisches Gegend in der Mitte der Erde, welches laut dem ersten Fargard des Videvdād das erste von Ohrmazd erschaffene Land ist. Der ursprüngliche Name dieses Landes war „Airyanam vaēǰō Vaŋvī Dāitya– „die arische (iranische) Weite des guten Dāitya“, denn der mythologische Fluss Vaŋvī Dāityā (mp. Weh-Rōd) war wie oben beschrieben eng mit dem Konzept von  Airyanam vaēǰō verbunden.

 

[28] Tan; mp. Form von av. und altp. tanū – „Körper, Leib“

[29] Gyān; mp. für „Leben“; im np. als Ĵān wiedergegeben

[30] Urwan; mp. Form von av. Urvan – „Seele“, im np. wird es als ravān widergegeben

[31] Mēdyāirēm; mp. Form von av. Maiδyāirya – „Mitt-Jahr“

[32] Gayōmard; mp. Form von av. Gaya.marɘtan – „sterbliches Leben“; Name des Urmenschen in der iranischen Mythologie, aus dessen Samen die Menschengeschlechter entstanden sind. Im np. wird der Name als Kiumars widergegeben und bezeichnet den ersten König in der iranischen Nationalgeschichte.

[33] Hamaspasmadēm; mp. Form von av. Hamaspaθmaēδaya, Bedeutung ungeklärt

[34] Gāhānbār; mp. Name der sechs jahreszeitlichen Feste zum Gedenken an die Erschaffung jede der sechs materiellen Schöpfungen durch Ohrmazd; die mp. Namen der einzelnen Feste sind identisch mit den sechs fünftägigen Ruheperioden, die Ohrmazd nach den Angaben des Bondaheš nach der Erschaffung jede der sechs materiellen Schöpfungen einlegte. Jede diese sechs Gāhānbār-Feste ist dabei einer materiellen Schöpfung zugeordnet. So feiert das Fest Mēdyōzarm die Erschaffung des Himmels, das Fest Mēdyōšam die Erschaffung der Erde, das Fest Pētēšhā die Erschaffung der Erdscheibe, das Fest Ayāsrēm die Erschaffung der Pflanzen, das Fest Mēdyāirēm die Erschaffung der Tiere in Form des Urrindes und das Fest Hamaspasmadēm zuletzt die Erschaffung der Menschheit in der Gestalt von Gayōmard. Diese sechs jahreszeitlichen Feste erscheinen schon im Avesta, wenn auch unter dem av. Namen Yāirya ratavō – „die jährlichen Zeiten“.

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